Vorpolitische Bildung

Angeleitet von unserem Dachverband Gesellschaft der Europäischen Akademien, machen wir uns gerade vermehrt Gedanken über politische Bildungsangebote für Erwachsene. In der frischgepressten Ausgabe des Philosophie-Magazins macht sich Nils Markwardt Gedanken über die Macht des vorpolitischen Raums in Zeiten der Coronapandemie. Aus dem Text lassen sich Ideen und Ansätze für die "vorpolitische Bildung" ableiten.

Markwardts Kernthese lautet folgendermaßen: Die demokratische Debattenkultur hat in der Coronakrise ihre privaten Spielorte verloren: "Die Ausgangsbeschränkungen, die als notwendige Reaktion auf die Coronapandemie erlassen wurden, legen auch und vor allem jene Bereiche des alltäglichen Lebens lahm, in denen eine Gesellschaft normalerweise mit sich selbst ins Gespräch kommt. Also Orte, wo Menschen sich freiwillig begegnen, um en passant den informellen Diskurs der Demokratie zu betreiben: sich austauschen, streiten, gemeinsame Wertvorstellungen pflegen." Man kann diese Orte - die Fankurve, die Gemeinde, das Café, die private Feier, den Restaurant- oder Clubbesuch - unter dem Begriff des vorpolitischen Raums zusammenfassen. Die vorpolitischen Räume haben im Zeitalter der Digitalisierung eh schon zu kämpfen und verlieren an Einfluss, weil Menschen sich ihre Meinungen nun völlig unbestritten in den Echokammern des Internets bilden.

KenFM, AFD, Widerstand 2020, Querdenken 711 und weitere krude Verschwörungstheorien und Theoretiker erfreuen sich auch deshalb großer Beliebtheit, weil die vorpolitischen Räume als korrektive Diskurs-Strukturen wegbrechen. Die Logik des Internets ist keine diversitätsfördernde, sondern eine gleichgesinnte. Die Fähigkeit, das Herz und die Augen im Internet offen zu halten ist wesentlich schwieriger und erfordert mehr Ressourcen als sich vom Algorithmus der eigenen kleinen Welt in einen gleichförmigen Informationsstrom ziehen zu lassen. Während sich am Rande des Fußballplatzes oder im Rahmen der privaten Feier unterschiedliche Meinungen begegnen und sich auseinandersetzen müssen, beschleunigen Algorithmen und Edge Ranking die elitäre Ausbildung des "Wir gegen Die".

In dieser Gemengelage muss sich politische Bildung die grundlegende Frage stellen, wie sie digitale und analoge Orte bereiten kann, an denen Ideen und Perspektiven miteinander konkurrieren und um ihr Überleben kämpfen dürfen. Es geht also um vorpolitische Bildung, die statt fertigen Formaten und starren Agenden, offene Räume des Austausches schafft. Die politische BildnerIn mit didaktischer Zielvorgabe wird abgelöst von der ambiguitätstoleranten ModeratorIn, die dem Diskurs einen Rahmen gibt in dem erst einmal alles sein darf. "Was ist, darf sein. Was sein darf, kann sich verändern." Das gilt sowohl für individuelle Meinungen und Identitäten, als auch für neue Gesellschaftsentwürfe.

Aufgabe der vorpolitischen Bildung ist demnach die Schaffung von Rahmenbedingungen zur Ausbildung amorpher Grundgefühle wie z.B. Solidarität, Verantwortung oder die Etablierung liebevoller und wertungsfreier Kommunikationsräume. Dieser Ansatz der vorpolitischen Bildung gelingt aus drei wesentlichen Gründen:

  1. Vorpolitische Bildung passiert beiläufig, eingebettet in einen informellen, spielerischen Rahmen.
  2. Politische Inhalte werden mit persönlichen Erfahrungen und Lebensläufen verknüpft und sind damit besonders lebensnah
  3. Im vorpolitischen Raum kommen persönliche Verbundenheit, Vertrauens- und Vorbildfunktionen zum Tragen.

Am 19.05.2020 findet der GEA-Fachtag "Politische Erwachsenenbildung neu denken" im Rahmen des bpb-Modellprojekt "Promoting Europe" statt. Dort werden wir gemeinsam mit Menschen aus den anderen Einrichtungen neue, (vor)politische Bildungsprojekte konzeptionieren. Wir werden berichten...

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