"Some were Neighbors" Wir haben die Wahl

Das United States Holocaust Memorial Museum, ansässig in Washington DC, stellte dem Europahaus Marienberg für knapp 4 Wochen ( Von Anfang Oktober bis Anfang November)  die Wanderausstellung “Some were neighbors” zu Verfügung. Die Ausstellung besteht aus gut 2 Dutzend Rollups, die durch ganz Deutschland reisen und sich der Frage widmen: Wie war der Holocaust möglich? Wie konnten Nachbar:innen, Kolleg:innen und Bekannte zu Feinden werden und sich gegenseitig denunzieren, verraten und sogar ermorden? Mithilfe von Fotografien, die in den Jahren von 1933 -1945 entstanden sind, nehmen uns die Bilder  in einen der dunkelsten Zeitabschnitte der Geschichte mit. Eine Zeit in der etwa 6 Millionen Juden, 1,5 Millionen Sinti und Roma, Tausende von Widerständlern, Homosexuellen und Menschen mit Behinderung ermordet wurden. Die Ausstellung will nicht mit klassischem reinen Faktenwissen die Besucher:innen “belehren” sondern vielmehr durch Fragen und Emotionen ein Nachfühlen in den damaligen Zeitgeist und die Akteure erreichen.


Ursprünglich war die Ausstellung insbesondere für Schüler:innengruppen gedacht, aber wir beschlossen - auch aufgrund der Herbstferien in Rheinland Pfalz, die in unsere Ausstellungswochen fielen- vor allem interessierte lokale Besucher:innen einzuladen und boten individuell vereinbarte Führungen an.

Für mich als Guide war jede Führung immer wieder etwas Neues. Die Teilnehmenden gehörten unterschiedlichen Generationen an, die jüngste Dame war 8 Jahre alt und der älteste Herr 89. Jede Generation bringt ihre eigenen Gedanken, Erfahrungen und Anliegen ein. Während Jüngere bemüht waren zu verstehen, wie das Grauen des Dritten Reichs hatte passieren können, war den Menschen, die ihre Kindheit in diesem System erlebten, daran gelegen, ihre Erfahrungen zu teilen. Teils um zu berichten, teils um zu rechtfertigen und teils um zu warnen.

Ist es in unserer Zeit wirklich undenkbar, dass so etwas erneut geschehen kann? Das ist eine Frage, die ich in jeder Führung stellte. Nein. Wir sehen, wie die Afd für ihre “Deutschland den Deutschen” Propaganda, Stimmen gewinnt. Wir sehen, wie viel Wut und auch Hass Menschen entgegengebracht wird, die gezwungen waren vor Krieg, Tod und Untergang ihre Heimat, ihr Zuhause und ihr Hab und Gut zu verlassen. 

Die letzten Zeitzeugen müssen sich immer wieder vor ihren Nachkommen rechtfertigen: “Warum habt ihr nichts getan? Warum habt ihr mitgemacht?” 

Warum tun wir heute nichts? Wie werden wir uns vor unseren Nachkommen rechtfertigen? “Ich wusste nichts von Klimakrise? Ich dachte das wäre nur gerede? Naja ich brauche halt meine Wurst und mein Schnitzel jeden Tag!” Ist es das, was wir als unser Erbe zurück lassen wollen? Oder lassen wir uns von den Held:innen inspirieren, die es zu jeder Zeit gab, die ihr Leben dem Ideal widmeten, dass das Miteinander jeden Preis wert ist? 

Wenn wir ehrlich in uns reinhören und unseren Emotionen Raum geben, dann wissen wir, was richtig ist. Richtig ist nicht immer einfach. Oft ist das der steinigere Weg, der Weg auf dem Spott verteilt und Unterstützung oft versagt wird. Aber es ist auch ein Filter, der uns mit den Menschen zusammenbringt, die so denken wie wir. Und sind Spott und Steine es nicht auch wert überwunden zu werden, um hoch erhobenen Hauptes den zukünftigen Generationen zu sagen: “Ich habe gekämpft, ich habe das “Miteinander” gelebt, ich habe mit verhindert, dass ein neues Drittes Reich entstehen konnte. Ich habe die grüne Zukunft mitgestaltet. Jetzt müsst ihr in dieser Tradition weiter machen.”

Denn wir haben jeden Tag wieder die Wahl.


Anmerkung der Autorin: 

Zuerst wollte ich eher einen Bericht über die vergangene Ausstellung schreiben. Aber ich habe mich - wie auch bei jeder Führung wieder- emotional von diesem Thema mitreißen lassen. Und so ist dieser Blogbeitrag im Prinzip die Essenz einer Führung, für jeden und jede, die nicht dabei sein konnte. Allen, die an meinen Führungen teilgenommen haben, danke ich nochmal herzlich für ihre Beiträge, dass sie sich auf Fragen und Diskussionen eingelassen haben und mir neue Blickwinkel mitgegeben haben. Es gibt ein Bild(es ist hier abgebildet), dass die Geschichte von einem polnischen Geistlichen (insbesondere die katholische Kirche bekleckerte sich in der NS-Zeit nicht mit Ruhm)  zeigt, der zu einer Gruppe Deutscher Soldaten geht, die gerade Frauen, Männer und Kinder vor sich hertreiben, weil sie als Juden gebrandmarkt sind. Sie sind auf den Weg in ihren Tod. Der Priester geht zu den bewaffneten Soldaten und sagt: “Ich habe nachgeschaut, es sind keine Kommunisten unter diese Menschen. Ihr könnt jetzt gehen.”  Und sie gehen. Ich habe mich gefragt, was für eine Ausstrahlung und Stärke dieser Mann gehabt haben muss. Eine Frau, die in einer meiner ersten Führungen war, meinte: “Vielleicht waren die Männer ja glücklich von einer Autoritätsperson einen neuen Befehl bekommen zu haben.” Ja vielleicht. Gut möglich. Wir brauchen Menschen, die sich trauen stark zu sein! Jeden Tag wieder. Und wenn es an einigen Tagen nicht funktioniert, dann müssen wir uns doch darauf verlassen dürfen, dass andere jetzt stark sind?


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