Lee(h)re im Land der Trichter und Denker

Wir leben nicht in Zeiten des Wandels. Der Begriff "Wandel" suggeriert eine sanften Übergang vom Einen ins Andere. Die romantische Vorstellung, das Systeme sich langsam, fast organisch, an neue Bedingungen anpassen können, ist spätestens mit der Coronapandemie und ihren vielfältigen, globalen Folgen überholt. Corona ist eine Zäsur. Ein Umbruch, der auch die (politische) Bildung zum Umdenken herausfordert. Die Sau mit der Aufschrift "Digitalisierung" wird von vielen als Heilsbringerin durch viele Dörfer getrieben, aber bevor wir uns über sinnvolle und neue Methoden zur Wissensvermittlung Gedanken machen können, sollten wir uns dem überholten Rollenverständnis von Lehrenden aus nahezu allen Bildungsbereichen zuwenden.

Auch wenn Georg Harsdörffer den Nürnberger Trichter 1647(!!!) als eine eher satirische Metapher für das mechanische, rein kognitive "Lernen und Lehren" interpretiert worden ist, wohnt dem Bild - wie jedem Scherz - auch heute noch Wahrheit inne. Die/Der Lehrende als "EintrichterIn" gehört nicht der Vergangenheit an. Auch heute noch verstehen sich Lehrende als Teil einer hierarchischen Wissensvermittlung die mit linearem Gefälle von A nach B verläuft. Zu allem Überfluss ist dieses anachronistische LehrerIn-SchülerIn-System Teil unserer Identitäten geworden. Lehrende verstehen sich selbst nur selten als Lernende. Und umgekehrt. Das „Expertentum“ ist Teil unserer Bildungs-DNA und damit Grundlage vieler überholter Lern- und Lehrkonzepte.

In diesen Zeiten, die von enormer Vielfalt, Unsicherheit und Gleichzeitigkeit geprägt sind, brauchen und suchen wir alle nach Orientierung. Wir brauchen mehr MentorInnen im Land der Trichter und Denker, um unsere asymmetrisch konstruierten Lebensbereiche neu denken zu können. Deshalb gilt es, den Mythos der allwissenden LehrerIn zu überwinden und die Welt mit neugierigen Augen zu sehen. Dieser notwendige Mind-Set-Wandel geht mit der Erkenntnis einher, dass wir alle ständig dazulernen müssen. An diesem Punkt der Ungewissheit beginnt der Wandel vom Lehrenden zur MentorIn. Die MentorIn gibt keine richtigen Antworten - sie stellt die richtigen Fragen. In Zeiten des Drunter und Drüber kommt der MentorIn (der ehem. LehrerIn) somit eher die Rolle einer TherapeutIn zu. Sie verfolgt das Ziel einer holistischen und politischen Persönlichkeitsentwicklung (bei sich selbst und bei ihren Lernenden):

‍"Der Mentor hat somit eher die Rolle eines Therapeuten als die des Ranghöheren, der von einem stets unerreichbaren Vorsprung des Faktenwissens aus Urteile verteilt. Das Mentoring ist eine kontinuierliche Supervision im Spiegel der anderen Seelen. Vermutlich ist es gerade diese Form der Bildung im Lebendigen, die unsere lebensvergessene Zivilisation nötig hat." (Andreas Weber, Biologe und Philosoph)

Dem Ende der klassischen LehrerIn in einem überholten Bildungssystem, folgt zwangsläufig ein Bruch mit den herrschenden Vorstellungen vom Lernen, wie er radikaler kaum sein könnte. Wirklich gelungene, (politische) Bildung vermittelt nicht mehr effizient Stoff sondern schiebt persönliche Heilungsprozesse an. Die Ausbildung von Lehrenden zu MentorInnen wäre eine Antwort auf die Misere unserer Bildungssysteme, die zu Millionen unglückliche und unmündige Menschen hervorbringen. In der (politischen) Bildung muss es wieder darum gehen lebendiger zu werden. Egal ob analog oder digital. Es geht nicht um Wissen. Es geht um Existenz.  

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