Die EHM Coronalen: Teil 1 "Absagenflut"

Das morgendliche Kopfnicken ist tot. Als wir heute ins Büro kommen, begrüßen wir einander stattdessen mit einem leichten Kopfschütteln. Auf unsere Email-Postfächer haben wir kollektiv keinen Bock. Gute Nachrichten sind von dort nicht zu erwarten. Wir treffen uns "zufällig" in einem der lichdurchfluteten Büros und spielen den Weltuntergang durch. Vermutlich werden wir das heute wieder mehrmals tun. Bei der Kollegin laufen die Livestreams der unterschiedlichen Pressekonferenzen. Das Gemurmel der Hiobsboten ist ein ständiges Grundrauschen.

Von gelegentlichen Panikattacken abgesehen sind wir aber ruhig. Wir sitzen kollektiv in einem Boot. Alle Bereiche leiden, weil alle Bereiche miteinander vernetzt sind. Das ist die Erkenntnis die, wie eine spitze Nadel, alle Filterblasen zum Platzen bringt. Es ist eine kollektive Krise, die uns mit euch allen verbindet. Mit dem Bäcker um die Ecke, mit den Krankenschwestern, mit dem Schlüsseldienst, dem es nie gut ging und der jetzt seit ein paar Tagen gar nicht mehr aufmacht.

Die politischen BIldungseinrichtungen, mit denen wir uns unterhalten, stehen auch unter mächtigem Druck. Es tut gut zu wissen, dass alle gerade mit derselben Scheiße zu tun haben. Das hat nichts mit Schadenfreude zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass wir alle da jetzt alle gemeinsam durch müssen. Wir alle haben einen gemeinsamen Gegenspieler. Und es hat auch etwas entspannendes, wenn man weiß, dass es ein Spiel auf entschleunigte Zeit ist. Wilder Aktionismus wird uns nicht helfen. Die Menschen bleiben zu Hause oder werden zu Hause geblieben. "Can't do shit about that!"

Wir machen uns trotzdem Gedanken über weitere Erasmus+ Projekte, um im zweiten Halbjahr andere inhaltliche und finanzielle Schwerpunkte zu legen, aber nach den ganzen Verschiebungen ist das zweite Halbjahr 2020 fast völlig abgeriegelt. Auch die terminlichen Grenzen sind dicht. Nach den Sommerferien werden wir (hoffentlich) bis Weihnachten durchgehend Projekte durchführen. Das ist eine gruselige Vorstellung. Für jeden von uns. Aber wir werden es nicht ändern können. "It is, what it is!" Wir wünschen uns sehr, dass unsere Fördergeber bereits beantragte, bewilligte und fertig durchgeplante Veranstaltungen vollständig fördern mögen. Es wäre vernünftig. Geisterspiele der politischen Bildung.

In großer kreativer Ruhe werden wir in den kommenden Tagen und Wochen das wohl beste politische Planspiel aller Zeiten entwickeln. Ganz sicher. Solche kreativen Arbeiten können jetzt in unseren Köpfen, an unseren Tischen und nicht mehr zwischen Tür und Angel stattfinden. Die Krise ist auch eine Chance. Zur Orientierung, zur Neuausrichtung, zum Pläne schmieden, zur Identitätsfindung - sowohl für uns als Mitarbeiter*innen als auch für unsere Bildungseinrichtung. Wir haben jetzt die Möglichkeit an wichtigen Details zu arbeiten, die im Arbeitsalltag schnell mal hinten angestellt werden.

Wir wünschen Euch einen tollen Tag, an dem die Hiobsboten von den Marktschreiern der Möglichkeiten übertönt werden.

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